Basketball Co@ches Corner

von Günter Steppich

Systematisches Koordinationstraining im Basketball

Theoretische Grundlagen eines systematischen
Koordinationstrainings im Basketball


Von Günter J. Glasauer & Lothar Nieber


Betrachtet man das Basketballspiel eines Michael Jordan oder anderer großer Basketball-Stars der NBA, der vielen ihnen nacheifernden Kinder und Jugendlichen der Streetbasketballszene oder den Wettspielbetrieb des Deutschen Basketball Bundes (DBB) von den Minis bis zu den Bundesligen, dann fällt vor allem auch dem Nichtfachmann die hohe Ballkunst und Körperbeherrschung der Basketballspieler auf. Besonders deutlich wird dies, wenn man die artistisch anmutenden Ballhandlings und hochgradigen Korbwurf-Präzisionsleistungen herausragender Spieler oder etwa der seit Jahrzehnten erfolgreich im Show-Business tätigen Harlem Globetrotters betrachtet.


Wie erreichen Basketballspieler dieses phänomenologisch sichtbar hohe Maß an koordinativer Kompetenz und welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für eine wissenschaftlich fundierte Gestaltung des Trainings- und Wettspielsystems im Basketball ?


Es erscheint lohnend sich aus diesem Blickwinkel intensiver Gedanken über ein systematisches Koordinationstraining im Basketball zu machen. Vor allem im Nachwuchsbereich ließen sich hiermit Defizite in der technischen und individualtaktischen Schulung möglicherweise ausgleichen (PRINZ 1999).


Die Trainingspraxis im Nachwuchsbasketball schlägt bislang eine andere Richtung ein. Im Vordergrund steht die taktische Ausbildung von Mannschaften und weniger die Förderung von Spielern. Zudem fristet die koordinative Schulung immer noch ein Mauerblümchendasein im Schatten des Konditionstrainings (GLASAUER 1998).


Eine Pilotstudie zu Fragen des Koordinationstrainings im Nachwuchsbasketball (GLASAUER 1997, GLASAUER & NIEBER 1999) bestätigt die Notwendigkeit einer gezielten Schulung koordinativer Grundlagen. Gleichermaßen bestehen bei den Trainern jedoch noch gravierende Unsicherheiten hinsichtlich der inhaltlichen Gestaltung und der methodischen Planung eines basketballspezifischen Koordinationstrainings.


Der vorliegende Beitrag greift die im Heft 6/1999 veröffentlichte kritische Betrachtung der Trainingspraxis im DBB zur Problematik des Koordinationstrainings auf. Er analysiert mit Hilfe neuerer Erkenntnisse der Motorikforschung den theoretischen Hintergrund für ein systematisches Koordinationstraining im Basketball.


Dazu werden folgende Fragestellungen diskutiert:




  • Welches sind die funktionellen Besonderheiten, die das besonders hohe Anforderungsniveau im Basketball maßgeblich bestimmen ?



  • Welches allgemeine Koordinationsprofil kann daraus für das Basketballspiel abgeleitet werden ?



  • Welche neueren theoretischen Erkenntnisse der Motorikforschung können für eine wissenschaftliche Fundierung des Koordinationstrainings im Basketball herangezogen werden ?



  • Wie können die Ziele, Inhalte und Methoden eines trainingsbegleitenden Koordinationstrainings bestimmt und von anderen Trainingsaufgaben etwa des Technik-Taktik-Trainings abgegrenzt werden ?



  • Welches sind die wesentlichen Schlussfolgerungen für eine Neugestaltung des Trainings- und Wettkampfsystems im deutschen Nachwuchs-Basketball ?


 


Ausgangssituation


Von einer einheitlichen Konzeption des Koordinationstrainings kann in der Bewegungs- und Trainingswissenschaft nicht gesprochen werden (HIRTZ 1997a, 225). Die jahrelange Orientierung der Trainingspraxis am Konzept der koordinativen Fähigkeiten (BLUME 1981, BLUME & ZIMMERMANN 1998, HIRTZ 1985, ZIMMERMANN 1980) scheint mittlerweile in Frage gestellt (HIRTZ 1997a und 1998, NEUMAIER 1999, NEUMAIER & MECHLING 1994).


Fähigkeitsorientiertes Koordinationstraining hat die wissenschaftliche Diskussion um die zielgerichtete Beeinflussung motorischer Steuerungs- und Regelungsprozesse in den letzten zwanzig Jahren entscheidend vorangebracht. Auch heute besitzt der Fähigkeitsansatz in der Trainingspraxis noch große Bedeutung. Im Schulsport etwa oder in der sportart- und sportspielübergreifenden Allgemeinen Grundausbildung (AGA) der 7- bis 10-jährigen, im Grundlagentraining (GLT) der 11-12-jährigen und im allgemeinen Koordinationstraining schafft die Schulung koordinativer Fähigkeiten Voraussetzungen für spätere Lernprozesse. In höheren Leistungsbereichen aber wird Koordinationstraining „mehr sein als Schulung koordinativer Fähigkeiten“ (HIRTZ 1997a, 226).


Auch im Basketballsport dominiert in den Veröffentlichungen und Verbandskonzepten, die sich mit der Verbesserung koordinativer Leistungsvoraussetzungen befassen, bislang der Fähigkeitsansatz (GLASAUER 1998). Für das Spiel mit seinen spezifischen Besonderheiten sind neuere wissenschaftstheoretische Erkenntnisse und Ansätze noch nicht aufgearbeitet worden.


Die Praxis des Koordinationstrainings im Basketball ist im Rahmen des DBB und seiner Landesverbände (LV) wenig theoriebegründet und systematisch gestaltet (GLASAUER & NIEBER 1999). Die Gründe hierfür sind vielgestaltig und ergeben sich vor allem aus den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für den Basketball-Leistungssport in Deutschland.




  • Zu wenig reflektierte Übernahme von Trainingsstrategien, -methoden und -konzepten aus dem Basketball-Mutterland USA ohne ausreichende Beachtung der deutschen Spezifika: Konkurrenz- und Verdrängungswettbewerb unter den Spielsportarten besonders im Anfangstraining der 6- bis 11-jährigen; begrenzte Talent-Auswahlmöglichkeit; geringeres Medien- und damit Sponsoreninteresse; eng vernetzte Vereinsstruktur und weitgehend kommerziell beherrschte Streetballszene; geringerer Stellenwert des Basketballspiels an Schulen und Universitäten.



  • Theoriedefizite zum Koordinationstraining (vgl. GLASAUER & NIEBER 1999, NEUMAIER 1999) besonders in den Sportspielen. Aufgrund der komplexen koordinativen Anforderungsstruktur situativer Sportarten fällt eine theoretische Begründung hier besonders schwer, wobei in der Praxis oft noch die Meinung vorherrscht, das Basketballspiel selbst stelle das beste Koordinationstraining dar (vgl. STARISCHKA 1994, 16). Dabei wird allerdings vergessen, dass auch der beste Basketballspieler sich im Training ein koordinatives Überpotential verschaffen muss, um unter den Druckbedingungen des Wettspiels zusätzliche Ressourcen für die Lösung überraschender Spielsituationen und für kreative Spielhandlungen zur Verfügung zu haben.



  • Die deutsche Vereinsstruktur sowie die Wettspiel- und Sichtungssysteme des DBB zielen auf eine frühzeitige Leistungsentwicklung, während die Effekte eines systematischen Koordinationstrainings eher längerfristig eintreten. Der Erfolgsdruck, dem viele Vereine und Verbände unterworfen sind, bringt die Trainer in einen Entscheidungskonflikt. Entweder sie versuchen die hohen koordinativen Anforderungen des Basketballspiels bereits in den unteren Altersklassen mit vorrangig sportartspezifischen Mitteln zu gestalten und widmen bereits hier viel Aufmerksamkeit der Athletik. Oder sie investieren in die Zukunft, indem sie etappenweise vom allgemeinen Koordinationstraining über ein basketballgerichtetes bis hin zu einem basketballspezifischen Koordinations-Spezialtraining systematisch vorgehen, dafür aber zunächst bei der schnellen Entwicklung basketballspezifischer Spielkompetenz Abstriche in Kauf nehmen.


Da umfangreiche empirische Untersuchungen zum Koordinationstraining im Basketball fehlen, hat sich trotz erfolgversprechender neuer Ansätze und erster Erfahrungen in anderen Spielsportarten (HOSSNER & KORTMANN 1995 und 1997) ein systematisches, theoretisch fundiertes, trainingsbegleitendes Koordinationstraining – wie es im konditionellen Bereich seit langem üblich ist – in der Trainingspraxis noch nicht durchsetzen können. Hier liegen u.E. unter den spezifischen Sichtungs- und Auswahlbedingungen Deutschlands große Reserven bei der Herausbildung von späteren Basketball-Spitzenleistungen.


 


Zielstellung


Ein zielgerichtetes und systematisches Koordinationstraining im Basketball wird begleitend neben bzw. im Zusammenhang mit dem Technik-Taktik-Training als notwendig erachtet. Diese Überzeugung der meisten Praktiker (GLASAUER & NIEBER 1999) und vieler Wissenschaftler führt zu der Zielvorgabe, ein tragfähiges theoretisches Konzept für ein Koordinationstraining im Basketball zu erarbeiten.


Einen bemerkenswerten Strukturierungsansatz hierzu hat NEUMAIER (1999) vorgestellt. In seiner Veröffentlichung „Koordinatives Anforderungsprofil und Koordinationstraining“ beleuchtet er das Phänomen „Bewegungskoordination“ aus unterschiedlichen bewegungswissenschaftlichen Perspektiven (NEUMAIER 1999, 10). Als theoretische Grundlage zum Koordinationstraining schlägt er ein Strukturmodell zu koordinativen Anforderungskategorien vor und konstruiert daraus das Steuerungsinstrument „Koordinations-Anforderungs-Regler (KAR)“ (NEUMAIER 1999, 156ff.). Nicht die koordinativen Leistungsvoraussetzungen stehen für ihn im Vordergrund sondern die typischen koordinativen Leistungsanforderungen von motorischen Aufgabenstellungen (NEUMAIER 1999, 111). Er grenzt somit seinen Ansatz bewusst vom „traditionellen Fähigkeitskonzept“ (NEUMAIER 1999, 4) ab.


Da die Strukturanalyse koordinativer Anforderungen im Basketball u.E. aber nur eine Seite des vom Trainer als Prozess zu gestaltenden Koordinationstrainings theoretisch untermauern kann, sind Überlegungen notwendig, die sich auf den Spielprozess selbst beziehen. Erst im Zusammenspiel von Anforderungsgestaltung (z.B. mittels Veränderung von Informationsanforderungen und koordinativen Druckbedingungen durch Verschieben der KAR nach NEUMAIER 1999) und Anforderungsbewältigung (subjektive Verarbeitung der Anforderungen durch die Spieler im Spielprozess) ist ein wirksames Koordinationstraining möglich. Dies erfordert eine Prozessanalyse des Basketballspiels, die über die von NEUMAIER (1999) praktizierte Anforderungsanalyse hinausgeht.


Personale Handlungsvoraussetzungen, die für die Bewältigung von Anforderungs- und Aufforderungssituationen (NITSCH & MUNZERT 1997b, 119) im Basketball zum Einsatz kommen, sind im Koordinationstraining entscheidend zu berücksichtigen und zu entwickeln.


Die Planung eines Koordinationstrainings durch eine fast mechanistisch anmutende Handhabung von Koordinations-Anforderungs-Reglern (NEUMAIER 1999, 197ff.) scheint für ein Spiel mit so hohen Freiheitsgraden wie Basketball nicht praktikabel.


 


Lösungsschritte


In Anlehnung an funktionale Betrachtungsweisen der Motorik soll ein der Spielwirklichkeit möglichst nahe kommender theoretischer Ansatz verfolgt werden. Das vorliegende Koordinationskonzept versucht einen theoretischen Zugang über eine prozessorientierte Betrachtung des Koordinationstrainings im Basketball zu finden. Es basiert im wesentlichen auf drei bewegungswissenschaftlichen Ansätzen: dem handlungstheoretischen Ansatz, dem Komponentenansatz der motorischen Handlungskompetenz und dem modularen Ansatz (Abb. 1).



Abb. 1 Erklärungsmodelle des Koordinationstrainings im Basketball


In einem ersten Lösungsschritt wird eine Strukturanalyse koordinativer Anforderungen im Basketball durchgeführt. Hierzu ist es notwendig, eine Ziel- und Bedingungsklassifikation des Spiels vorzunehmen (vgl. KIRCHNER & STÖBER 1997, 350ff.). Damit lassen sich charakteristische Situationen, typische Aufgaben und dominante Handlungen des Basketballspiels bestimmen (Modularer Ansatz, vgl. HOSSNER 1997a). Diese zu definieren ist mit Blick auf die Anforderungsgestaltung im Koordinationstraining von großer Wichtigkeit.


Bei der Lösung basketballspezifischer Aufgaben ergeben sich besondere Informations- und motorische Steuerungsanforderungen, die in Abhängigkeit von der jeweiligen Aufgabenklasse mehr oder minder komplexe Ressourcen der Spieler beanspruchen. Im Rahmen einer prozessorientierten handlungstheoretischen Betrachtung (vgl. NITSCH & MUNZERT 1997b) des Basketballspiels soll in einem zweiten Lösungsschritt die Anforderungsbewältigung durch den Spieler in den Mittelpunkt der Analyse rücken (Handlungstheoretischer Ansatz). Personale Handlungsvoraussetzungen (Ressourcen) kommen in Form variabel verfügbarer Komponenten der motorischen Handlungskompetenz in Abhängigkeit von der jeweils zu lösenden Spielsituation zum Einsatz. Aus der ziel- und anforderungsgerechten Inanspruchnahme jener Ressourcen entwickeln sich im Trainingsprozess und besonders auch im Spiel die koordinativen Kompetenzen des Basketballspiels (Kompetenzansatz, vgl. HIRTZ 1995, 1997b und 1998).


In einem dritten Lösungsschritt wird schließlich der Wirkungszyklus aus Situationsanforderungen – Spielhandlung – Handlungsergebnis – Handlungsfolgen diskutiert. Aus diesem ständigen interaktiven Kreisprozess zwischen Trainern und Spielern auf der einen und Spielern und Spielern auf der anderen Seite werden die methodischen Ableitungen für ein theoriegeleitetes Koordinationstraining getroffen.


 


Zur Strukturanalyse koordinativer Anforderungen im Basketball


In der sportmotorischen Tätigkeit werden sportmotorische Aufgaben gestellt, die gelöst werden müssen. „Aufgaben werden durch die Ziele und durch die Bedingungen, unter denen sie auszuführen sind, bestimmt und durch Handlungen realisiert“ (KIRCHNER & STÖBER 1997, 338). Je besser die Struktur einer Aufgabe bekannt ist, desto günstiger sind die Bedingungen für eine effektive Auswahl von Trainingsinhalten und -methoden. Die Ermittlung der Aufgabenstruktur erfolgt über die Feststellung der relevanten Anforderungen spezifischer motorischer Handlungen in einer Anforderungsanalyse.


Ziel, Funktions- und Bedingungsanalyse


Ausgangspunkt zur Erstellung einer koordinativen Anforderungsanalyse im Basketball ist die Zuordnung der Sportart zu einer Zielklasse und die Bestimmung der Bedingungen mit dem Ziel, die dominant zu lösenden Aufgaben und relevanten Handlungen zu bestimmen (KIRCHNER & STÖBER 1997, 350).


Die Zielklasse für das Basketballspiel wird determiniert durch die möglichst effektive Verwirklichung des Spielgedankens.


Ziel der individuellen und mannschaftlichen Bemühungen im Basketball ist es, den Ball durch regelkonforme Spielhandlungen in das von einer gegnerischen Mannschaft verteidigte Ziel (den Korb) zu werfen, bzw. die gleiche Absicht des Gegners zu verhindern. Dabei wird entsprechend der schnell wechselnden Spielsituationen von jedem Spieler ein variables technisch-taktisches Handeln sowie ein situationsadäquates Rollenverhalten verlangt.


Nach HAGEDORN (1996a) lassen sich aus dieser Zielstellung Anforderungen genereller Art ableiten, die das Basketballspiel konstituieren:



Wissen, Anwenden und situatives Interpretieren der Spielregeln. „Placet-Regeln sagen, was erlaubt, Veto-Regeln sagen, was verboten ist. Die Sanktionen-Regeln bestimmen die Folgen von Übertretungen“ (HAGEDORN 1996 a, 37).


Diskontinuierlicher, schneller und häufiger Wechsel der Angreifer- und Verteidiger-Rolle.


Die einzelnen Spielziele in Angriff und Verteidigung sind im allgemeinen nur über die Verbindung mehrerer Bewegungshandlungen (Handlungsfolgen, Handlungsketten) und unter Verfolgung verschiedener Zwischenziele erreichbar. Das Gesamtziel des Spiels, der Sieg über den Gegner, ist wiederum nur über das vielfache Wiederholen dieser Handlungsketten möglich. Im Gegensatz zu anderen Sportspielen kommt im Basketball den Einzelaktionen herausragender Spieler vor allem im Angriff große Bedeutung zu.


Die sportliche Auseinandersetzung 5 gegen 5 konzentriert sich im modernen Basketballspiel auf die schnelle Überwindung des Raumes zum gegnerischen Korb, noch ehe sich die Verteidigung vollständig formiert hat. Das erfolgt mit Hilfe von Dribblings oder mit Pässen, mit denen man im Basketball in Abhängigkeit von den Verteidigerpositionen relativ genau zu jedem Zeitpunkt jede Spielfeldposition erreichen kann. In einem einmal erreichten korbnahen Raum wird der Ballbesitz unter zeitlichen Druckbedingungen (3″-, 5″-, 30″-Regel) gesichert, bis eine erfolgversprechende Wurfchance erspielt werden kann. Die Spielräume werden dabei zum Korb hin exponentiell kleiner (bis hin zum regelkonformen „Posting up“). Alle Spieler (Mit- und Gegenspieler) handeln gleichzeitig. Bei den stochastisch verlaufenden technisch-taktischen Handlungsketten interagieren direkt zumeist nur 2-3 Angreifer und Verteidiger. Die Übrigen machen sich verfügbar, öffnen oder sichern Räume, binden Gegenspieler oder lösen sich von ihnen für mögliche schnelle Gegeninitiativen oder den Rebound.


Als besondere Spielsituationen gelten Sprungbälle, Einwürfe und Freiwürfe, vor deren Ausführung der „Ball ruht“.


Basketballspezifische Aufgaben müssen unter ganz bestimmten Bedingungen bewältigt werden. KIRCHNER & STÖBER (1997, 343ff.) konzentrieren sich in ihrem allgemeingültigen Klassifikationsversuch auf Bedingungen, die vordergründig Einfluss auf psychomotorische Regulationsprozesse nehmen.


Neben der Abhängigkeit des Handelns von objektiv wirkenden Gesetzmäßigkeiten, von der Auseinandersetzung mit dem sportlichen Gegner, von Kooperationsanforderungen und vom Handlungsspielraum wirken beim Basketball – wie in jedem anderen Sportspiel auch – Anforderungen von außen situativ auf das Spiel ein, z.B.:



die Bedeutsamkeit des Spiels (Trainings-, Freundschafts-, Qualifikations-, Heim-, Auswärtsspiel u.a.)


die Bedeutsamkeit des Spielstandes in Bezug auf die noch verbleibende Spielzeit


Zuschauer im allgemeinen und besonders leistungsmotivational beeinflussende Personen wie Freund(in), Eltern, ehemalige Trainer, Auswahltrainer u.a.


 


Charakteristische Spielsituationen – Typische Aufgaben – Dominante Handlungen


Basketballspielspezifische Aufgaben sind offene Aufgaben. Sie können in technikorientierte, technik- und taktikorientierte und rein taktikorientierte Aufgaben unterteilt werden (SZYMANSKI 1997, 25f.).


Es erscheint unmöglich, für offene Bewegungsaufgaben jede denkbare Handlungskette bzw. Spielsituation zu identifizieren. Aus diesem Grund wird man sich auf die Bestimmung leistungsrelevanter Spielhandlungen konzentrieren müssen (NEUMAIER 1999, 149).


Bei der Erstellung eines koordinativen Anforderungsprofils der Sportart Basketball ist folglich die Identifikation charakteristischer Spielsituationen, der darin vorrangig zu lösenden typischen Aufgaben und deren Bewältigung durch dominante Handlungen von Bedeutung. Erst deren Konkretisierung ermöglicht eine Umsetzung in ein Koordinationstraining.


Die folgende Analyse stützt sich auf theoretische Überlegungen und praktische Erfahrungen aus dem Handlungsfeld Basketball. Untermauert werden diese durch neuere bewegungswissenschaftliche Erkenntnisse.


Für das Sportspiel Basketball bietet der modulare Ansatz nach HOSSNER (1995) eine wertvolle Hilfe bei der Identifikation dominanter Handlungen. „Der modulare Ansatz zielt auf die Identifikation struktureller (Teil-)Systeme, denen im Rahmen der Bewegungskoordination eine bestimmte Funktion zuzuschreiben ist und die zugleich in einem biologisch-realistischen Sinne als informationell eingekapselte »Bausteine« zu interpretieren sind“ (ROTH & HOSSNER 1999, 212).


Modulare Einheiten – Technik- und Taktik-Bausteine des Basketballspiels – sind nach HOSSNER (1997a, 224) als Funktionssysteme mit vertikalem Fähigkeitscharakter zu interpretieren. Im Gegensatz dazu kennzeichnet er die koordinativen Fähigkeiten im Sinne von BLUME (1981), BLUME & ZIMMERMANN (1998), HIRTZ (1985), ROTH (1982) und ZIMMERMANN (1980) als horizontale Fähigkeiten, die als Leistungsvoraussetzungen allgemeiner Art von der Spezifik der zu lösenden Aufgabe abstrahieren.


Motorikmodule tragen zur Lösung spezifischer Bewegungsaufgaben bei. Indem diese Bausteine direkt mit den Fertigkeiten in Beziehung gesetzt werden, die diesen Aufgaben zuzuordnen sind, erhalten sie nachvollziehbar funktionale Bedeutung (HOSSNER 1997b, 59).


Die Bewegungskoordination wird als aktiver Prozess verstanden, der auf den vorhandenen koordinativen Leistungsvoraussetzungen aufbaut. Spieltypische Handlungssituationen können folglich unter Einsatz von Technik- und Taktikbausteinen bewältigt werden. Bezogen auf das zu entwerfende Koordinationstraining heißt das, diese Module auch unter spieltypischen koordinativen Anforderungen zu trainieren.


HOSSNER & KORTMANN (1996, 12f) grenzen in Anlehnung an die modultheoretischen Überlegungen von FODOR (1983) für die Sportart Volleyball typische Spielsituationen voneinander ab, die sie für den Leistungsbereich in weitere „Situationsklassen“ aufgliedern. Im Basketballspiel ist eine solche Gliederung aufgrund der komplexeren Spielstruktur gegenüber dem Rückschlagspiel Volleyball weitaus komplizierter. Dennoch lassen sich folgende immer wiederkehrende Spielphasen abgrenzen:



Abb. 2 Typische Spielphasen im Basketball


 


Ein solcher Zyklus immer wiederkehrender Spielphasen wird aufgrund des schnell wechselnden Spielgeschehens selten komplett durchlaufen, sondern durch technische Fehler, Regelverstöße, Standardsituationen wie Freiwürfe, Sprungbälle, Einwürfe etc. immer wieder unterbrochen. Dennoch lassen sich charakteristische in Variationen immer wiederkehrende allgemeine Angriffs- und Abwehr-Spielphasen klassifizieren (vgl. Abb.2). Sie ergeben unter Beachtung der situativen Spielbedingungen (Gegner- und Mitspielerverhalten, externe Bedingungen) entsprechende Anforderungen. Anforderungen im Sportspiel sind als Gesamtheit der für das Durchsetzen einer Spielabsicht erforderlichen psycho-physischen Leistungsvoraussetzungen zu verstehen, die sich objektiv, d.h. lediglich allgemein auf eine bestimmte Bezugspopulation (z.B. Nationalmannschaft) beziehen. Solche Anforderungskonstellationen werden in ihrem erwarteten Aufwand subjektiv reflektiert und führen in Abhängigkeit von den jeweiligen individuellen Leistungsvoraussetzungen zu unterschiedlich erlebten Schwierigkeiten in der Anforderungsbewältigung und damit zur Beanspruchung.


Daraus ergeben sich für die Gestaltung des Trainingsprozesses charakteristische basketballtypische Aufgaben und dominante Handlungen mit entsprechenden koordinativen Anforderungen (vgl. Abb.3).


koordination3.gif (38136 Byte) Anklicken zum Vergrößern


Abb. 3 Typische Aufgaben – Dominante Handlungen – Koordinative Anforderungen 


Damit kann zusammengefasst für die Anforderungsgestaltung eine aus der Arbeitspsychologie für Arbeitstätigkeiten (HACKER 1986, 75f.) bekannte, analog angewandte Tripelrelation von Spielaufgabe – Spielsituation (im Sinne von unterschiedlichen externen Bedingungen) – Leistungsvoraussetzungen (im Sinne interner Bedingungen) als Grundlage für die prozessuale Betrachtung von Spieltätigkeiten angenommen werden, auf die später noch eingegangen wird.


Beispielhaft soll nun eine für das Basketballspiel typische Angriffsaufgabe (vgl. Abb. 3) nach dem Schema von NEUMAIER (1999, 170) strukturell und funktional analysiert werden: „Wurfsituation erkennen – Wurfposition einnehmen – richtige Wurfauswahl treffen – schnell und präzise werfen.


 



Besondere Funktionen und Ziele



Individuelle oder gruppentaktische Maßnahme erfolgreich abschließen


Ball sicher in den Korb werfen


Spielstand positiv verändern


 


Besondere Bedingungen



Chance zum Wurf muss bestehen (Entfernung zum Korb)


Wurfmöglichkeit muss erkannt werden (Lücke zum Korb, freie Wurfposition, fehlende oder schlecht postierte Gegnerabwehr, Überlegenheit gegenüber dem Verteidiger)


Wurfposition muss eingenommen werden (Dribbling, Cutten zum Korb/Ball, Posting up)


Mitspieler- und Gegenspieleraktionen sind zu berücksichtigen


Eigene Raumposition zum Korb muss erkannt werden


 


Teilaufgaben



Wurfvorbereitung


Lauf- oder Dribbelrichtung und mögliche alternative Folgehandlungen antizipieren (Ballaufnahme/Pass – Stoppen/Finte – Wurf/Pass)


Teilbewegungen der Handlungskette aufeinander abstimmen


Wahrnehmen von Spielsituationsveränderungen, während die Elemente der Handlungskette ausgeführt werden


Konsequentes „Zu-Ende-Bringen“ des Handlungsplanes oder Abbruch und Improvisation bei Vereitelung der Realisierungschance durch den Gegner bzw. durch eine günstigere taktische Konstellation (Passmöglichkeit zum plötzlich frei werdenden Mitspieler)


 


Korbwurf


Entscheidung über Wurfart fällen


Richtung, Abwurfwinkel und Krafteinsatz steuern. Bei Würfen aus der Bewegung oder im Sprung Abwurfzeitpunkt in Abhängigkeit vom Gegnerverhalten bestimmen.


Ab Hauptphase des Wurfes Umschalten von distributiver auf ausschließlich. konzentrative Aufmerksamkeit


Nachdem der Ball die Hand verlassen hat, distributive Aufmerksamkeit und Suchen einer Reboundmöglichkeit. Bei Würfen aus größerer Distanz Räume gegen evtl. Fast Break des Gegners sichern.


 


Die koordinativen Anforderungen der Bewegungsaufgabe (vgl. NEUMAIER 1999, 171f.) sind zusammengefasst Abb. 3 zu entnehmen.


Mit der trainingspraktischen Umsetzung der Anforderungen solcher basketballtypischen Handlungen ergeben sich vielfältige Schwierigkeiten:



Wird die Situationsklasse zu eng begrenzt, verliert sie aufgrund der möglichen hohen Variabilität an Ausführungsmöglichkeiten durch den Spieler den Bezug zur komplexen Spielwirklichkeit.


Wird die Situationsklasse hingegen zu weit gefasst, ergeben sich zu jedem Zeitpunkt des Handlungsverlaufs einer solchen Handlungskette Improvisationsmöglichkeiten und damit eine kaum noch zu überschauende Gestaltungsvariabilität. Das zu beschreibende Anforderungsprofil wäre dann vergleichbar allgemein wie das allgemeine Anforderungsprofil des Basketballspiels und hätte für die Gestaltung des Koordinationstrainings nur einen grob orientierenden Wert.


 


Das Wesen jeder Spieltätigkeit liegt in einem nicht gänzlich vorher bestimmbaren Prozessverlauf, für den die Wechselbeziehungen der äußeren Bedingungen und die Leistungsvoraussetzungen der Spieler („innere Bedingungen“) lediglich den Rahmen bilden.


Daher geht es im Koordinationstraining der Sportspiele nicht nur um die Bestimmung der Informationsanforderungen unter entsprechenden Druckbedingungen sowie deren Variation in typischen Handlungssituationen (vgl. NEUMAIER 1999). Das Koordinationstraining im Basketball erfordert in den einzelnen Entwicklungsetappen der Herausbildung der Spielkompetenz ganz unterschiedliche Vorgehensweisen. Es muss u.E. entscheidend die kognitiven, die emotional-motivationalen und die kooperativen Ressourcen der Spieler berücksichtigen und führt in seiner leistungsorientierten Etappe zum Techniktraining mit koordinativem Überpotential.


 


Zur prozessualen Anforderungsanalyse des Basketballspiels


Richtet man das Hauptaugenmerk nicht auf plausibilitätsgestützte Beschreibungen der „äußeren“ Anforderungen, die das Basketballspiel im Allgemeinen und in bestimmten Situationsklassen im Besonderen ausmachen, sondern auf den Spielprozess selbst, dann rückt der Begriff der koordinativen Kompetenz in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Koordinative Kompetenzen ergeben sich als hypothetische Konstrukte aus dem Zusammenspiel von Umweltanforderungen (Spielsituationen) und den aktuell verfügbaren Ressourcen der Spieler. Sie zeigen sich in der Spieltätigkeit selbst.


Die Entwicklung der basketballspezifischen Spielkompetenz ist letztlich das Hauptziel jeder Koordinationsschulung. Koordinative Kompetenzen als wesentlicher Bestandteil der Spielkompetenz haben im Basketball aufgrund der besonderen Spielidee und -regeln einen hohen Stellenwert.


Im Trainingsprozess geht es folglich darum, dem Entwicklungsstand der Spieler entsprechend mit geeigneten Mitteln und Methoden ein „koordinatives Überpotential“ zu schaffen, das auf die Effektivität der Spielhandlungen verschiedene positive Wirkungen ausübt.



Durch eine enorme Filterung der auf mehrere Milliarden bit geschätzten Informationsflut, die in jeder Sekunde Spielzeit im Zentralnervensystem eintrifft, können nur 15-20 bit im Bewusstsein wahrgenommen werden. Damit kommt der im Koordinationstraining im besonderen Maße zu schulenden selektiven Wahrnehmung eine besondere Bedeutung zu. Das trifft ebenso auf die weitaus größere Informationsmenge zu, die auf einer nicht bewusstseinspflichtigen Ebene bis hin zu reflektorischen motorischen Anteilen verarbeitet bzw. umgeschaltet werden muss.


Ein adäquater Informationserwerb löst noch keine erfolgreiche Handlung aus. Koordinative Anforderungen, die vom Spieler als schwierig aber lösbar empfunden werden, entwickeln die perzeptiven und kognitiven Kompetenzen, den Schwierigkeitsgrad und den erforderlichen Aufwand richtig zu kalkulieren und führen zu einer geringeren Anzahl von motorischen und taktischen Fehlentscheidungen. Ein leistungsadäquates und systematisches Techniktraining unterstützt die Orientierungsregulation durch mnemische Kompetenzen bei der Reproduktion bereits erworbener technisch-taktischer Handlungsmuster. Auch die affektiv-emotionalen und volitiv-gnostischen Einflüsse, die auf dieser Regulationsebene wirken (Begeisterungsfähigkeit, Risikobereitschaft, Handlungsfreude, die Fähigkeit Reserven auszuschöpfen, Entschlusskraft u.a.) führen zu einer schnellen und sicheren Auslösung des Handlungsverlaufs. Die koordinativen Aspekte der handlungsvorbereitenden Phase (informationsaufnehmende und -verarbeitende Prozesse) sind vorentscheidend für den Handlungserfolg. In der Ausführungsphase fließen alle Teilkompetenzen zusammen und verbinden sich mit weiteren Fähigkeitskomplexen (z.B. konditionelle, kooperative, motivationale) zu einer basketballspezifischen Handlungskompetenz, die im Idealfall kurzzeitig zu einem Gefühl des Spielrausches verschmelzen kann (flow- Erlebnis, CSIKSZENTMIHALYI 1985).


Entscheidend für den weiteren Kompetenzerwerb auf allen Ebenen sind externe und interne Reafferenzen.. Während interne bewegungssteuernde Reafferenzen das motorische und sensorische Gedächtnis ausbilden, die besonders die Zeitdauer einer erneuten adäquaten Handlungsentscheidung sehr verkürzen, helfen externe Reafferenzen bei der weiteren entwicklungsgemäßen Anforderungsgestaltung (Übernahme neuer Anforderungen).


Für eine wirkungsvolle Bewegungssteuerung kommt Führungselementen der Koordination eine bedeutende Rolle zu. Die führenden koordinativen Elemente werden in Anlehnung an DJACKOV (1973, 38ff.) verstanden als charakteristische Organisatoren des effektiven Zusammenspiels der für die erfolgreiche Anforderungsbewältigung wesentlichen Kraftimpulse im Sinne von besonders zu akzentuierenden Phasen des Bewegungsvollzugs (HIRTZ 1995, 105). Die führenden Parameter, Phasen und Elemente spiegeln sich nach DJACKOV (1973) im Bewegungsrhythmus wieder. Wichtigstes Merkmal der technischen Vollkommenheit ist das „optimale Zusammenwirken der aktiven, äußeren und reaktiven Kräfte. Deshalb gilt das Element der Koordination als dominierend; es kann das Zusammenwirken dieser Kräfte in Übereinstimmung mit der spezifischen Bewegungsaufgabe organisieren und steuern“ (DJACKOV 1973, 39).


In diesem Sinne wären folgende Technikelemente oder Bewegungshandlungen des Basketballspiels als führende basketballspezifische koordinative Elemente zu verstehen:



Charakteristisch für die drei Basketballtechniken Wurf, Dribbling und Pass ist eine typische Unterarm-Handgelenk-Finger-Bewegung. Durch die Streckung des ballbehandelnden Armes im Ellenbogengelenk mit nachfolgendem Abklappen des Handgelenks (Palmarflexion) und lockerem Nachschwingen der Finger verlässt der Ball die Hand. Beim Standwurf, Sprungwurf und Druckwurf-Korbleger – hier zeigt der Ellenbogen nach vorne in Richtung Ziel – erfolgt diese Bewegung nach oben („follow-through“, „Kobra“), beim Dribbling nach unten in Richtung Boden und beim Passen nach vorne-außen-unten.


Kopplungs- und Rhythmisierungsfähigkeit äußern sich in der kontralateralen Extremitätenkoordination (Überkreuzkoordination) und im Zweierrhythmus bei Cross-over-Dribblings, bei Handwechseln (Finten) während des Dribblings, beim Korbleger aus dem Zweierrhythmus als Lay-Up oder Power-Lay-Up, beim Schrittstopp mit anschließendem Sternschritt (Pivotieren) und bei Pässen aus dem Lauf.


Am Beispiel der Unterarm-Handgelenk-Finger-Bewegung soll die koordinative Bedeutung erläutert werden. Die in- und ausländische Basketballliteratur beschreibt die Palmarflexion bei Basketballwürfen und -pässen als charakteristische Teilbewegung des technischen Idealbildes. Aus der Vielzahl der Quellen seien BRILL & PRINZ (1991), NIEDLICH (1996) in Anlehnung an KNIGHT & NEWELL (1986), SCHAUER (1998), SCHRÖDER & BAUER (1996) und STRAUBE (1989) genannt. Die technisch-koordinativen Anforderungen dieser charakteristischen Bewegung sind Abb. 4 zu entnehmen.















Fertigkeiten


Technisch-koordinative Anforderungen


Positionswürfe


Der Ball liegt vor/auf der Wurfhand und wird durch die seitliche Führungshand gestützt


Durch Heben der Wurfarmschulter gelangt der Ball in die seitliche Überstirnposition


Mit dem Heben der Wurfarmschulter beginnt die dosierte Wurfarmstreckung


Der Wurfarmellenbogen zeigt zum Korb und die Führungshand löst sich vom Ball


Bei beschleunigter Wurfarmstreckung kommt es zu einer dynamischen Palmarflexion


Das Handgelenk klappt druckvoll nach vorne und die Finger schwingen locker nach


Der Ball verlässt die Wurfhand über Mittel- und/oder Zeigefinger mit Backspin


Im Moment der Ballabgabe ist der Wurfarm kurzzeitig vollständig gestreckt


Das Ausschwingen und Absinken des Wurfarms erfolgen als Ausklang entspannt


Direkte Druckpässe


Der Ball wird mit beiden Händen vor die Brust geführt und dort gehalten


Die Daumen zeigen zueinander, die anderen Finger nach vorne-oben


Die Ellenbogen liegen eng am Körper oder sind leicht abgespreizt


Zu Beginn erfolgt eine geradlinige brusthohe kraftvolle Armstreckung nach vorne


Die Handgelenke klappen in der Endphase druckvoll nach außen-unten


Die Handinnenflächen zeigen nach außen, die Daumen zum Boden


Bei kurzen Brustpässen ist eine vollständige Armstreckung nicht erforderlich


Der Ball verlässt die Hände in einer geradlinigen Flugbahn mit leichtem Backspin


Abb. 4 Unterarm-Handgelenk-Finger-Bewegung: Führendes basketballspezifisches koordinatives Element


 


Nachdem einige Aspekte „innerer Prozesse“, insbesondere die für das Sportspiel Basketball so wichtigen Zusammenhänge von Informationsaufnahme, -verarbeitung und Bewegungssteuerung diskutiert und dabei verschiedene Führungselemente hervorgehoben wurden, soll im folgenden Abschnitt das Problem des Koordinationstrainings auf einer allgemeineren Abstraktionsebene veranschaulicht und dabei der Prozesscharakter in den Mittelpunkt gestellt werden. Dabei ist zu beachten, dass die neurophysiologischen Prozesse auf der komplexeren Ebene der Trainer-Spieler- oder Spieler-Spieler Beziehung mit eingehen.


 


Anforderung-Handlung-Ergebnis als interaktive Wechselbeziehung der Trainer-Spieler –Tätigkeit


Koordinationstraining im Basketball vollzieht sich in einem vielschichtigen sozialen Interaktionsprozess zwischen Trainer und Spielern sowie den Spielern untereinander. Dabei gestaltet der Trainer in der Regel die koordinativen Anforderungen. Im Gruppentraining sowie beim inzidentellen Lernen wie etwa im Streetball treten jedoch auch die Spieler selbst als Gestalter ihrer eigenen Anforderungen auf. Durch Nachahmen und Probieren („natürliche Variation“) gelingen ihnen schwierige Bewegungsabläufe bis hin zu kreativen Neuschöpfungen. Gerade die Selbstgestaltungsmöglichkeiten koordinativer Anforderungen werden in Nachwuchsleistungssportkonzepten oft vernachlässigt. Koordinationstraining kann nur dann effizient gestaltet werden, wenn die Spieler als aktiv handelnde Subjekte betrachtet werden und ihnen in allen Etappen des Nachwuchstrainings genügend Raum für die Erprobung und Entwicklung individueller Bewegungsmuster gegeben wird. Dabei sind die positiven Wirkungen psycho-sozialer Komponenten wie soziale Anerkennung oder emotionale Höhepunkte bei gelungenen Moves zwar empirisch schwer zu belegen, sie dürften aber ein wichtiger Motivationsfaktor für die so notwendigen hohen Wiederholungszahlen sein, ohne die sich taktisch variabel verfügbare und störresistente hochpräzise Bewegungsmuster nicht herausbilden.


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Abb. 5 Koordinationstraining als Interaktionsprozess


 


Das Koordinationstraining ist Teil des gesamten Trainingsprozesses und damit seinem Wesen nach ein pädagogischer Prozess mit vielgestaltigen personalen Wechselbeziehungen (vgl. Abb. 5). Es vollzieht sich in einem Wirkungszyklus von Anforderungen-Handlungen-Handlungsergebnissen-Folgen. Anforderungen werden in der Regel vom Trainer, aber auch eigenständig gestaltet. Sie sind quasi objektiv und unabhängig von den Ressourcen der Spieler. Erst durch die Identifizierung mit der Bewegungs- oder Spielaufgabe und unter Kalkulation der äußeren Realisierungsbedingungen kommt es zur Handlung, die entsprechend den Erwartungen und des konkreten Verhaltens zu unterschiedlichen Ergebnissen einschließlich dessen subjektiver Bewertung führt. Die entscheidenden Wirkungen beim Erwerb hoher basketballspezifischer koordinativer Kompetenzen vollziehen sich also während der Anforderungsbewältigung. Sie kann entsprechend dem handlungstheoretischen Modell (vgl. PÖHLMANN 1997, NITSCH & MUNZERT 1997b) in folgender Phasenstruktur mit unterschiedlichem Ressourceneinsatz je nach Art und Schwierigkeitsgrad der zu lösenden Aufgabe beschrieben werden:


Der Spieler kalkuliert in der Orientierungsphase der Handlung den Schwierigkeitsgrad und das Ausmaß des erforderlichen Aufwandes, die Trainererwartungen sowie die Aussichten die Anforderung entsprechend der Vorgaben zu bewältigen. Dabei greift er auf perzeptive, kognitive, im koordinativen Spezialtraining vor allem auch auf taktisch–mnemische Fähigkeiten zurück. Sein Antizipations- und Vorstellungsvermögen über die Wirksamkeit und taktische Zweckmäßigkeit seines Handlungsplanes und möglicher Ausführungsvarianten ermöglichen ihm eine schnelle und sichere Entschlussfassung über den ihm optimal erscheinenden Handlungsverlauf. In dieser Antriebsphase spielen volitive und affektiv-emotionale Fähigkeiten die entscheidende Rolle bei der Handlungsauslösung. In der Ausführungsphase selbst sind alle Komponenten der Handlungskompetenz entsprechend der Anforderungsstruktur einzusetzen. Das betrifft in offenen Handlungssituationen (Spielformen oder Spiele mit besonderen koordinativen Anforderungen) sowohl die motorischen Steuerungskompetenzen als auch die bereits während der Ausführung notwendigen Wahrnehmungsprozesse, um gegebenenfalls das Handlungsprogramm entsprechend einer unvorhersehbaren Situationsveränderung zu modifizieren. Am Ende der Handlung wird das sportliche Leistungsergebnis als mehr oder minder erfolgreiche Lösung der Übungs- oder Spielsituation selbst- und fremdbewertet. Damit wird klar, dass der Trainer nicht lediglich als Regulator von Anforderungen fungiert. Er kann entsprechend seiner Zielstellung in allen Phasen der Handlungsregulation in den Prozess aktiv eingreifen und bereichert damit auch seinen Erfahrungsschatz. Jedes Handlungsergebnis ist somit ein Baustein zum Erfahrungsgewinn und wirkt optimierend auf weitere Handlungsverläufe.


Erfolgreiche Nachwuchstrainer verfügen über ein ausgeprägtes Bewegungssehen. Das versetzt sie in die Lage, den Verlauf sowie die Ergebnisse des Koordinationstrainings richtig zu bewerten, bewegungssteuernde Impulse von außen zu geben, die Spieler auf ihre Innensicht zu orientieren und die Beobachtungsergebnisse für die Planung und Gestaltung neuer Anforderungen zielgerichtet einzusetzen. Damit wird deutlich, dass das Wesen eines wirksamen Koordinationstrainings breiter gefasst werden muss als die zieladäquate Verschiebung eines Koordinations-Anforderungs-Reglers, wie es NEUMAIER (1999) vorschlägt.


 


Folgerungen für die Praxis eines Koordinationstrainings im Basketball


1. Theoriegeleitetes systematisches Koordinationstraining wirkt als Investition in die Zukunft positiv auf alle Komponenten basketballspezifischer Handlungskompetenz.


Da dem Wesen nach das Koordinationstraining als Teil des gesamten Trainings ein pädagogischer Prozess ist, sollte den interaktiven personalen Beziehungen zwischen Trainer (mit seinen Fachkompetenzen) und Spielern sowie den Spielern untereinander besondere Beachtung geschenkt werden.


2. In Anlehnung an den modularen Ansatz sind die für Basketball charakteristischen Spielsituationen, die darin vorrangig zu lösenden typischen Aufgaben und deren Bewältigung durch dominante Handlungen zu identifizieren. Unter variierenden Informationsanforderungen und koordinativen Druckbedingungen sind diese Handlungen mit dem Ziel zu trainieren, koordinatives Überpotential vor allem für die wettkampfspezifische Anwendung zu erzielen.


3. Da der Spieler aber nicht nur Objekt der Trainingssteuerung sondern Subjekt des Trainingsprozesses, in diesem Prozess also auch aktiv Handelnder ist, sind psychische und psycho-soziale Prozesse weit mehr zu berücksichtigen. Ausgehend vom handlungstheoretischen Ansatz muss folglich die „Innensicht“ des Spielers, müssen affektiv-emotionale und volitiv-motivationale „Erlebniskriterien“ eine viel größere Rolle spielen.


Viele Übungen werden durch den Trainer aufgrund der phänomenologischen Außensicht des Lehrenden gewählt, die aber die Kriterien der noch wichtigeren Innensicht (z.B. die kinästhetischen Informationen oder die Zeitstruktur) in dilettantischer Weise vernachlässigt (HOTZ 1997, 218).


4. Der Spieler handelt als Gesamtperson ganzheitlich. Der entscheidende Trainingsakzent sollte daher nicht so sehr auf der Anforderungsgestaltung durch den Trainer sondern vielmehr auf der Optimierung der selbstständigen Situationsbewältigung durch den Spieler liegen (Kompetenzansatz).


In diesem Sinne wären Trainingsmittel und -instruktionen kritisch zu hinterfragen, die sich vorrangig an Bewegungs- und Verhaltensnormen orientieren und die Entwicklung individuell optimaler Lösungsmuster vernachlässigen.


Im Basketballspiel scheint hiervon vor allem die aus den USA bekannte „Drillmethode“ der häufigen Wiederholung ein und derselben Bewegung betroffen.


„Training müsste deshalb auch verstärkt darauf abgestellt werden, nicht nur Bewegungsabfolgen einzuschleifen, sondern kognitive Strukturen zu optimieren, d.h., unangemessene Strukturen zu ändern und angemessenere aufzubauen“ (NITSCH & MUNZERT 1997b, 170).


HOTZ (1997, 217) vertritt ergänzend hierzu die Auffassung, dass die Auswahl der Trainingsmittel (Übungen) „zwar wichtig, aber letztlich doch nicht so entscheidend ist, denn die Auswahl allein, auch wenn sie noch so «richtig» sein mag, ist nur der erste Beitragsteil zur Lernwirksamkeit, der zweite ist die kognitive Auseinandersetzung mit dem Übungsgut, die möglicherweise bei einer nicht ganz «richtigen» Übung aufgrund der Erfahrungsauswertung noch intensiver sein kann“.


5. Um individuell optimierte Lösungsmuster für die Bewältigung typischer Aufgaben zu entwickeln und eine Flexibilität des Handelns zu erreichen, ist dem variablen (fähigkeitsorientierten) Lernen gegenüber dem eher monotonen (fertigkeitsorientierten) auch in der Praxis des Basketballtrainings mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Variables Lernen sollte bereits in der Phase des Erlernens einer Bewegung einsetzen (ROSTOCK & ZIMMERMANN 1996, 288). HOTZ (1997, 246) stellt die These auf: „Wesentliche Aspekte des Bewegungslernens sind implizite Fähigkeitsentwicklung, Wissensaneignung und Fertigkeitsbildung. Aber stets: «Fähigkeitsorientierte Fertigkeitsausbildung !»“.


Auch SZYMANSKI (1997, 164) spricht sich gegen monotone Übungswiederholungen im Techniktraining von Sportspielen aus – auch im Anfängerbereich. Die möglichst frühzeitige Integration taktischer Zusatzanforderungen und die sukzessive Aufschaltung von Wahrnehmungs- und Entscheidungsanforderungen in spezifischen Spielsituationen hilft Kompetenzen zu entwickeln.


6. Koordinationstraining ist ein wichtiger und unersetzbarer Bestandteil des komplexen Trainingsprozesses (HIRTZ 1997a, 225) – auch im Basketball. Technik- und Koordinationstraining sind zwar eng verflochtene, jedoch auch relativ eigenständige Aufgabenbereiche mit spezifischen Trainingszielen und -inhalten. Diese sind abhängig vom koordinativen Anforderungsprofil des Spiels, vom Alter der Spieler, ihrem Leistungsniveau und ihrer Individualität.


Abb. 6 versucht eine Abgrenzung zwischen Technik- und Koordinationstraining im Basketball nach Zielen, Trainingsarten, Inhalten, Mitteln und Methoden.


 


Abgrenzung von Technik- und Koordinationstraining im Basketball

























 

Techniktraining


Koordinationstraining


Ziele


Ø Erlernen basketballspezifischer Fertigkeiten (Neulernen)


Ø Verbindung der Fertigkeiten zu individuell optimierten basket-ballspezifischen Techniken


Ø Automatisierung der basketball-spezifischen Techniken in typischen Handlungssituationen


Ø Stabilisierung der Techniken gegen innere und äußere Stör-größen


Ø Variable Anpassung und Anwendung der Techniken in sich schnell ändernden Spielsituationen (Verbinden mit taktischen Fähigkeiten)


Ø Schaffen von sensomotorischen Grundlagen für ein schnelles und stabiles Technikerwerbstraining (Fähigkeitsorientierung)


Ø Stabilisierung der Fertigkeits-entwicklung durch eine akzentu-ierte Verknüpfung mit handlungs-relevanten kognitiven, emotional-volitiven, kooperativen und konditionellen Fähigkeiten (Fähigkeits- und Fertigkeits-orientierung)


Ø Schaffung von Überpotential der koordinativen Handlungskompe-tenz durch eine akzentuierte Verdichtung koordinativer Anfor-derungen (Kompetenzorientierung)


Arten


Ø Fertigkeitserwerbstraining


Ø Technikerwerbstraining


Ø Technikanwendungstraining


Ø Technikautomatisierungstraining


Ø Technikvariationstraining


Ø Mentales Techniktraining


Ø u.a.


Ø Sportart- und sportspiel-übergreifendes …


Ø Basketballgerichtetes …


Ø Basketballspezifisches …


Ø Positionsspezifisches …


Ø Situationsspezifisches …


Ø Wettkampfspezifisches Koordinationstraining


Inhalte /


Mittel


Ø Basketballspezifische Bewegungen (Technikelemente) des Angreifers (mit/ohne Ball) und des Verteidigers (am Spieler mit/ohne Ball)


Ø Basketballspezifische Übungen und Spielformen


Ø Basketballspezifische Gleich-zahl-, Unter- und Überzahlspiele


Ø Allgemeine koordinativ fordernde Übungen, Spielformen und Spiele


Ø Basketballgerichtete und koordinativ anspruchsvolle Übungen und Spielformen unter besonderen Informationsanforderungen und Druckbedingungen


Ø Basketballspezifische Übungen, Spielformen und Spiele mit dem besonderen Akzent auf Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozessen


Ø Positions- und situationsspezifische Handlungen und Handlungsketten unter erhöhten koordinativen Druckbedingungen und wettkampfspezifischen Anforderungen


Methoden


Ø Vereinfachungsmethode


Ø Ganzheitsmethode


Ø Progressive Teilmethode


Ø Wiederholungs- (Drill-) methode


Ø Variationsmethode


Ø u.a.


Ø Variationsmethode


Ø Kontrastmethode


Ø Druckmethode


Ø Kombinationsmethode (simultan/sukzessiv)


Abb. 6 Abgrenzung von Technik- und Koordinationstraining im Basketball


Aufbauend auf diese kritische Diskussion theoretischer bewegungswissenschaftlicher Ansätze für ein Koordinationstraining im Basketball werden in einem Folgebeitrag didaktisch-methodische Leitlinien formuliert und durch praktische Beispiele verdeutlicht.


Inhalte sollen sein: die Vorstellung eines Systematisierungsansatzes für die Etappen des Basketball-Nachwuchstrainings in Deutschland, die Diskussion methodischer Prinzipien, Maßnahmen und Mittel eines systematischen Koordinationstrainings sowie Vorschläge einer Zyklisierung und exemplarisch spezifischer Handlungsanweisungen.


 


Literatur


BLUME, D.-D. (1981)


Kennzeichnung koordinativer Fähigkeiten und Möglichkeiten ihrer Herausbildung im Trainingsprozeß. In: Wiss. Zeitschrift der Deutschen Hochschule für Körperkultur Leipzig (22), 3, S. 17-41.


 


BLUME, D.-D. & ZIMMERMANN (1998)


Koordinative Fähigkeiten und Beweglichkeit. In: MEINEL, K. & SCHNABEL, G. (Hrsg.): Bewegungslehre – Sportmotorik. Berlin, S. 206-236.


 


BRILL, D. & PRINZ, F. (1991)


Die ersten Schritte. Basketball-Trainingspraxis. Handbuch für das Grundlagen- und Anfängertraining in Verein und Schule. Langen.


 


CSIKSZENTMIHALYI, M. (1985)


Das flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile: Im Tun aufgehen. Stuttgart.


 


DJACKOV, V.M. (1973)


Die Vervollkommnung der Technik der Sportler. In: Theorie und Praxis der Körperkultur. Berlin (22), Beiheft 1, S. 3-99.


 


FODOR, J.A. (1983)


The modularity of mind. Cambridge.


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